Systemische Aufstellungen - Historie und Hintergründe

Die systemische Aufstellungsarbeit, insbesondere die mit Stellvertreter*innen, ist aus der Familientherapie hervorgegangen und macht mithilfe dieser Stellvertreter*innen vor allem auf die Beziehungsmuster und Beziehungsstörungen in einem System aufmerksam. Dass Unbeteiligte dies als Stellvertreter*innen leisten können, wird dem morphischen Feld zugeschrieben: Es scheint unsichtbare Informationen um uns herum zu geben, die wir in einer gesammelten und offenen Haltung in der Stellvertretung wahrnehmen können.

 

 

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Über das morphische Feld und andere unsichtbare Kräfte

Sie drehen sich um, weil Sie sich angestarrt fühlen – und stellen fest, dass Sie tatsächlich angestarrt werden… Sie nehmen sich vor, um 16 Uhr jemanden anzurufen – und werden kurz vorher von dieser Person angerufen (oder die Person sagt am Beginn des Telefonats: Oh, ich habe gerade an Dich gedacht!)… Sie haben eine Katze oder einen Hund und erfahren von Mitbewohnern, dass sich das Tier lange, bevor Sie nach Hause kommen, schon auf den Weg zur Tür macht, um Sie zu erwarten…

 

Auch Goethe hatte erkannt, dass alle Lebewesen eine Atmosphäre um sich her haben, was heute gern als Aura bezeichnet wird, üblicherweise für unser Auge unsichtbar ist und doch in der Begegnung mit Anderen spürbar werden kann. Und C.-G. Jung sprach von einem kollektiven Unbewussten, das Einfluss auf unser Handeln hätte – und ebenso unsichtbar wirkt. Im Zusammenhang mit systemischen Aufstellungen wird dieses Phänomen mit dem morphischen Feld erklärt. In der Physik sind morphische Felder wissenschaftlich anerkannt. Es lässt sich allerdings noch nicht wissenschaftlich begründen, warum kleinste Teilchen, die man voneinander trennt, später in Versuchsreihen immer noch und dauerhaft eng miteinander verbunden sind (indem sie z.B. dieselben Eigenschaften aufweisen). In jedem Fall sind die Aura und das morphische Feld zwei Faktoren, die unsere Begegnungen mit Menschen unbewusst und quasi unsichtbar beeinflussen – und in systemischen Aufstellungen in gewisser Weise sichtbar gemacht werden können.

 

Als Menschen leben wir in Beziehungen und Bindungen, die oft größer oder vielfältiger zu sein scheinen als wir mit dem Verstand erfassen können. Auch wenn es sich nicht in Gänze erklären lässt, können diese häufig nicht wahrnehmbaren Verbindungen wissenschaftlich nachgewiesen werden. Ohne dieses Phänomen würden systemische Aufstellungen nicht funktionieren. DASS sie funktionieren, ist unbestritten.


Geschichte der systemischen Aufstellungsarbeit

Die systemischen Aufstellungen mit Stellvertreter*innen haben ihre Wurzeln in der Familientherapie und wurden unter anderem aus therapeutischen Techniken, z.B. der Familienskulpturarbeit und dem Psychodrama, entwickelt. Seit den 1980er Jahren kennt man vor allem die von Bert Hellinger entwickelte Art der Familienaufstellungen, bei der Stellvertreter*innen für Personen aus dem System des Klienten oder der Klientin im Raum aufgestellt werden und die Leitung auf eine bestimmte Art die Aufstellung bis zu einer „guten Lösung“ voranbringt. Aus diesem Zusammenhang kennt man auch die „Verstrickung“, die über eine Aufstellung dann möglichst aufgelöst werden sollte. Der große Erfolg Hellingers wird allerdings auch von einer großen Zahl an Kritikern begleitet, die seine Art zu Leiten z.B. als dogmatisch oder demütigend wahrnahmen.

 

Für mich sind die Impulse, die Hellinger mit diesem „klassischen“ Familienstellen gesetzt hat, wesentliche Grundlage meiner Arbeit. Doch auch manche Kritik finde ich berechtigt. Nach meinem systemisch-konstruktivistischen Verständnis und meiner wertschätzenden Grundhaltung ist eine Aufstellung nicht das Abbild der EINEN Wahrheit, es gibt auch kein „Muss“ im Handeln, sondern es ist eine Momentaufnahme, die für den Klienten / die Klientin als Anregung zu verstehen ist, die eigene Aufmerksamkeit umzulenken, ein Impuls, das eigene Handeln zu ändern oder bestimmte Gefühle zuzulassen. Meine Erfahrungen mit eigenen Aufstellungen sind für mich persönlich der Nachweis, dass die Bindungen in einem System gerade von emotional nicht tangierten Menschen (den Stellvertretern) wahrgenommen werden können und durch eine „gute Lösung“ eine heilsamere Atmosphäre erzielt werden kann.


Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit als Motivation allen Handelns

„In der Tiefe ist es Liebe“ ist ein Satz aus dem Repertoire des Familienstellens von Bert Hellinger, den ich besonders schätze, nämlich die Annahme, dass jede Handlung eines Einzelnen im System in ihrem Hintergrund das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Liebe hat. Mit diesem Verständnis fällt es mir leichter, auch mit Blick auf eine schlimme Tat als Aufstellungsleitung wertschätzend und neutral zu bleiben – in der Aufstellung dann nach einem Ausgleich oder nach Versöhnung suchend. Inwieweit dies möglich ist, melden die Stellvertretungen dann zurück.